Studie: Was bewegt die Beschäftigten in Deutschland?

Weniger arbeiten, mehr leben: Die sogenannten „Wissensarbeiter“ haben ganz eigene Ansprüche – sie würden für bessere Arbeitsatmosphäre und Selbstbestimmung sogar auf Gehalt verzichten. Was die Beschäftigten in Zeiten des Wandels sonst noch bewegt, zeigt die Studie „Kompass Neue Arbeitswelt“, die XING und Statista in Berlin vorgestellt haben.

Die Arbeitswelt ist im Wandel, darüber sind sich alle Experten einig. Für die Studie „Kompass Neue Arbeitswelt“ haben XING und das Meinungsforschungsinstitut Statista nun diejenigen befragt, die von den Veränderungen am stärksten betroffen sind – die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Herausgekommen ist ein detailliertes Bild der deutschen Beschäftigtenlandschaft, welches zentrale Fragen beantwortet: Wie beurteilen Arbeitnehmer ihre Jobsituation? Was erwarten sie von der Zukunft? Welche Bedürfnisse werden durch Arbeit erfüllt, welche nicht? Und: Welche Segmente von Arbeitnehmern gibt es?

Die  Studie wurde gestern, am 28. April 2015, in den Design Offices in Berlin vorgestellt (und steht hier komplett zum Download zur Verfügung). Studienleiterin Dr. Adriane Hartmann von Statista präsentierte die Ergebnisse vor gut 80 geladenen Gästen aus Politik, Medien und Wirtschaft.

Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick:

·         Herauskristallisiert haben sich fünf Segmente der Arbeitnehmer (basierend auf ihrer Einstellung zur Arbeit): „Teilzeitkräfte / Projektmitarbeiter o.Ä.“, „Wissensarbeiter“, „Gehaltsoptimierer“, „Soziale Berufe“ und „Blue Collar“.

·         Die Veränderungen des eigenen Berufsfelds sehen 71 Prozent der Arbeitnehmer gelassen bis positiv.

·         Sicherheit ist der Mehrheit der Befragten wichtiger als Selbstbestimmung.

·         Weniger als 40 Prozent der Vollzeitarbeitnehmer im typischen Familienalter können von ihrem Gehalt alleine eine Familie ernähren.

·         15 Prozent der Arbeitnehmer vermuten, dass ihr Arbeitgeber Frauen weniger zahlt als Männern.

·         Arbeitnehmer würden im Schnitt gerne fünf Stunden weniger arbeiten.

·         Gut die Hälfte der Arbeitnehmer bewertet ihre/n Vorgesetzten durchweg positiv, etwa ein Fünftel hat Probleme mit ihm/ihr.

·         Fast jeder dritte Arbeitgeber unterstützt Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht.

·         Großteil der Arbeitnehmer nimmt Diversität am Arbeitsplatz als Bereicherung wahr.

·         Die Hälfte der Arbeitnehmer wünscht sich eine stärkere Beteiligung der Beschäftigten an Entscheidungen.

·         Die sog. “Wissensarbeiter” unterscheiden sich in ihren Bedürfnissen und Ansprüchen deutlich von den restlichen Befragten: Autonomes Arbeiten, Flexibilität und Arbeitsatmosphäre sind ihnen überdurchschnittlich wichtig, das Sicherheitsbedürfnis im Gegenzug deutlich weniger ausgeprägt.

Was XING-CEO Thomas Vollmoeller in seiner Eröffnungsrede daraus ableitete, war ein Appell an die anwesenden Politiker und Unternehmensvertreter – Zitat:

1.    „Nur innovative Arbeitgeber ziehen innovative Köpfe an. Gleichzeitig befinden sich Arbeitgeber in rechtlichen Korsetts, die ihre Möglichkeiten einschränken. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die es möglich machen, attraktive, innovative Arbeitgeber zu sein. Lassen wir die Unternehmen mal machen. Und lassen wir die Wissensarbeiter machen. Unterstützen wir sie. Erlauben wir ihnen mehr Buntheit. Zwängen wir sie nicht in Korsetts. Geben wir ihnen den Raum, damit sie ihre Ideen äußern und entwickeln können. Nach Ergebnissen, nicht Arbeitszeit bezahlt werden können. Wer neu, quer oder anders denkt, braucht dazu die Freiheit, das tun zu dürfen. Und keine engen Schablonen. Das Silicon Valley zeichnet sich nicht nur durch das Vorhandensein von Kapital und Know-how aus. Es zeichnet sich durch einen Lebensstil aus, der für die Talente hoch attraktiv ist. Wenn wir über Cluster und europäische Champions nachdenken, greift die Agenda viel zu kurz, wenn wie nur an Venture Capital und Standford-Kopien nachdenken. Ein entscheidender Aspekt der fehlt ist: Hochattraktive, innovative und neuartige Arbeitsbedingungen. Die Digitale Agenda der Bundesregierung greift hier bislang genauso zu kurz wie die der EU.

2.    Das „Normalarbeitsverhältnis“ gibt es nicht. Denn es gibt auch nicht den „Normal-Menschen“ oder den „Normal-Mitarbeiter“ mit „normalen Bedürfnissen“. Deshalb gibt es auch keine idealen Arbeitsbedingungen. Die Komplexität der individuellen Lebensentwürfe ist zu hoch als dass wir sie schematisch abbilden und strukturieren könnten.

3.    Wenn das so ist, dann ist mein Appell an die Arbeitgeber: Lasst uns in den Unternehmen – frei nach Willy Brandt – mehr Demokratie wagen. Mehr Transparenz, Mitbestimmung – und das jenseits althergebrachter Strukturen. Menschen sind verschieden, Unternehmen sind verschieden. Lasst uns diese Verschiedenheit fördern und nicht nivellieren. Diversität und Querdenkertum wachsen auf diesem Nährboden – und in der Folge Innovationen. Um das zu leisten – und das ist mir ganz wichtig zu betonen -, reicht es meines Erachtens nicht, die bestehenden Mitbestimmungsstrukturen hier und da ein wenig aufzuhübschen. Ich glaube, wir müssen im Zeitalter mündiger Kunden, mündiger Leser und mündiger Bürger auch zeitgemäße Strukturen neu schaffen, die den mündigen Arbeitnehmer möglich machen.“

Für die repräsentative Studie hat das Hamburger Meinungsforschungsinstitut Statista im März und April 2015 4.000 Beschäftigte aller Berufsklassen befragt. Erste Ergebnisse zu Themenfeldern wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Hierarchie und Arbeitszeiten-Gestaltung hatte XING bereits am 20. April dieses Jahres veröffentlicht.

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